Unser Immunsystem hat die Aufgabe, unseren Körper vor den Angriffen von Bakterien, Viren. Pilzen und anderen uns nicht wohlgesonnenen kleinen Mitbewohnern auf unserem Planeten zu schützen. Das Immunsystem zeichnet sich durch eine große Komplexität aus. So gibt es eine zelluläre Immunabwehr (Abwehrzellen greifen die Krankheitserreger direkt an) und eine humorale Immunabwehr (Abwehrzellen produzieren Eiweiße, die dann die Krankheitserreger angreifen), es gibt eine unspezifische Abwehr, die sich gegen alles richtet, was fremd und gefährlich sein könnte, und eine spezifische Abwehr (die sich nach einer erfolgten Erkrankung beispielsweise nur gegen Masernviren und nichts anderes richtet). Leider beobachten wir immer häufiger, dass das Immunsystem überreagiert. Es greift dann nicht nur „böse“ Angreifer an, sondern auch körpereigene Substanzen. Es existiert eine Vielzahl von Autoimmunkrankheiten, z.B.:

  • Hashimoto
  • Rheumatische Erkrankungen
  • Multiple Sklerose
  • Neurodermitis/Psoriasis
  • Autoimmunhepatitis
  • Morbus Crohn/Colitis ulcerosa
  • Diabetes mellitus Typ I
  • Lupus erythematodes
  • Zöliakie (eine Mischung zwischen Allergie und Autoimmunkrankheit)
  • U.v.m.

Abb. 1: Rheuma – Gelenke verbrennen im Feuer der Entzündung

Rasante Zunahme der Erkrankungen

Die Medizin kennt immer noch nicht die Ursachen dieser Erkrankungen. Unbestritten ist aber, dass diese weltweit seit einigen Jahrzehnten zunehmen. Und in den so genannten zivilisierten Ländern sind sie häufiger als in den so genannten Entwicklungsländern. Auch wenn es genetische Dispositionen gibt, spielt die Umwelt eine weit größere Rolle. So bekommen 4 % aller Geschwister von MS-Patienten auch eine MS. Bei eineiigen Zwillingen sind es aber ganze 35 %, was auf eine starke genetische Beteiligung schließen lässt. Viel überraschender ist aber, dass 65 % der eineiigen Zwillinge keine MS bekommen. Es handelt sich bei eineiigen Zwillingen ja um genetisch identische Menschen, aber 65 % werden trotzdem nicht krank. Die Genetik ist also wichtig, aber die Epigenetik ist wichtiger!

Auch wenn es nicht die eine Ursache von Autoimmunkrankheiten gibt, so sind doch zumindest einige Risikofaktoren bekannt, die diese chronischen Entzündungen begünstigen:

  • Westliche Lebensweise – was immer das sein mag. Wo immer Menschen „westlich“ leben und sich so ernähren, da häufen sich die Autoimmunkrankheiten.
  • Frauen haben bei den meisten Autoimmunkrankheiten höhere Erkrankungsraten und bei vielen Frauen lässt die Aktivität der Entzündung in der Schwangerschaft nach, was auf eine hormonelle Beteiligung schließen lässt.
  • Nach der Hygiene-Hypothese sucht sich das Immunsystem, welches heute nicht mehr so stark mit Parasiten und Bakterien wie früher zu tun hat, eine „andere Betätigung“. Eine Mutter mit Putzfimmel gilt als Risikofaktor für die Entwicklung von Autoimmunkrankheiten bei Kindern.
  • Eine entscheidende Bedeutung hat wohl die Ernährung. Nahezu alle Autoimmunkrankheiten treten häufiger auf, wenn der Gehalt an tierischen Fetten hoch und der an maritimen Fetten niedrig ist.
  • Andere Nährstoffe wie Vitamin D und Selen scheinen ebenfalls vor Entzündungen und Autoimmunkrankheiten zu schützen.

Abb. 2: Multiple Sklerose – das Immunsystem zerstört die Myelinscheiden der Nervenzellen

Diagnostik und Therapie – wie besiegen wir Autoimmunkrankheiten?

Vor die Therapie haben die Götter die Diagnostik gestellt. Bei allen Autoimmunkrankheiten von Autoimmunhepatitis bis Zöliakie untersuche ich stets die Fettsäuren, wobei das Verhältnis AA zu EPA von entscheidender Bedeutung ist. Die tierische Omega-6-Fettsäure Arachidonsäure (AA) fördert Entzündungen, die maritime Omega-3-Fettsäure Eicosapentaensäure (EPA mindert Entzündungen. Außerdem werden die essentiellen Nährstoffe Vitamin D und Selen bestimmt. Ich wundere mich immer wieder, dass Rheumatologen, Dermatologen, Gastroenterologen und viele andere Fachärzte, die Autoimmunkrankheiten behandeln diese Diagnostik bis auf wenige Ausnahmen gar nicht kennen.

Die Ernährung sollte weitestgehend vegetarisch sein, wobei Fische erlaubt sind, also pesco-vegetarisch ist angesagt. Das allein reicht aber meist nicht aus, um einen für Autoimmunkrankheiten erwünschten AA/EPA-Quotienten von unter 2,5 zu erzielen. Die meisten Menschen mit einer durchschnittlichen Ernährung weisen ein AA/EPA von ca. 10 auf. Menschen mit Autoimmunkrankheiten haben hingegen häufig ein AA/EPA von über 15, mitunter sogar über 20. Bei einer sehr jungen Rheumatikerin mit schwerem Rheuma, bei der Kortison gar nicht angesprochen hatte, habe ich einmal ein AA/EPA von 71 gemessen. Nach 3 Monaten der hier aufgeführten Therapie war sie beschwerdefrei und benötigte keinerlei Medikamente mehr. Um einen guten Quotienten zu erzielen, benötigen die meisten Menschen ein bis zwei EL eines guten Fischöls oder ein bis zwei TL eines guten Algenöls.

Selen sollte auf etwas mehr als den oberen Normwert eingestellt werden, da Mitteleuropa im weltweiten Vergleich ein Selenmangelgebiet darstellt und die Normwerte viel zu niedrig angesetzt und eher suboptimale Werte darstellen. Viele Menschen mit Autoimmunkrankheiten benötigen für einen optimalen Wert 50-300 µg. Dasselbe gilt für das Vitamin D. Die Normwerte der meisten Labore sind auch keine Optimalwerte. Vitamin D sollte daher auf einen hohen Spiegel von 40-60 ng/ml bzw. 100-150 nmol/l eingestellt werden. Dies sind nämlich die Normwerte von Menschen mit artgerechter Haltung. Für den Menschen ist es seit Jahrhunderttausenden artgerecht, den größten Teil des Tages draußen zu verbringen. Menschen, die auch heute noch so leben (z.B. Gärtner, Straßenbauarbeiter) haben genau solche Werte – auch wenn sie kein Vitamin D einnehmen. Um in den optimalen Bereich zu kommen, werden meist 2000-8000 IE benötigt – das ist weit mehr als die suboptimalen, mickrigen 800 IE, die von den Ernährungsgesellschaften immer noch empfohlen werden.

Abb. 3: Bunte Lebensmittel schützen vor Autoimmunkrankheiten

Bunte Ernährung, wenig Entzündung

Neben Omega-3 aus maritimen Quellen sollte auf eine bunte Vielfalt in der Nahrung geachtet werden. Alle roten, blauen und gelben Lebensmittel enthalten wertvolle anti-oxidative und anti-entzündliche sekundäre Pflanzeninhaltsstoffe. Curcumin aus Kurkuma, Katechin aus Grüntee, Lycopin aus Tomaten und Resveratrol aus roten Trauben sind einige der Substanzen, die wir inzwischen als entzündungshemmend erkannt haben.
Es gibt noch viele andere Möglichkeiten wie Entspannungstherapien oder Heilfasten, die sich auch bei Autoimmunkrankheiten als entzündungsmindernd erwiesen haben.

Studie des Monats

Senken Omega-3-Fettsäuren Entzündungsparameter?

Diesmal nicht nur eine Studie, sondern sogar eine Meta-Analyse, also eine Ansammlung verschiedener Studien zu einer ähnlichen Fragestellung. Die Autoren haben alle Studien gesammelt, die den Einfluss von maritimen Omega-3-Fettsäuren auf den Entzündungsmediator LTB4 (Leukotrien B4) untersucht haben (1). Neben den Prostaglandinen sind die Leukotriene wichtige Botenstoffe, die in Entzündungsprozesse eingreifen. LTB4 fördert Entzündungen. Alles, was LTB4 senkt, ist also bei rheumatischen Prozessen hilfreich.

In diese Meta-Analyse konnten 18 Studien eingeschlossen werden. Dabei konnte nachgewiesen werden, dass die Omega-3-Fettsäuren EPA/DHA LTB4 signifikant senkt und zwar mit einer Effektstärke von 0,82. Die Effektstärke ist ein statistisches Maß, welches verschiedene Studien miteinander vergleichbar macht. Effektstärken von über 0,5 sind schon mega-gut.

Interessant sind auch die Subgruppenanalysen dieser Meta-Analyse. So konnte man nachweisen, dass die Senkung von LTB4 umso besser war, je höher der EPA-Anteil war. Die Omega-3-Fettsäure EPA wirkt also besonders gut entzündungshemmend. Des Weiteren hat man die Dauer der Omega-3-Gabe untersucht. Liefen die Studien weniger als 14 Wochen, wurde nur eine relativ kleine Effektstärke von 0,34 erzielt. Bei Studien über mehr als 14 Wochen fand man aber eine richtig gute Effektstärke von 1,04.

Das ist jetzt für mich alles nicht überraschend, da ich seit Jahren meinen Patienten mit Entzündungen ein Öl empfehle, was einen besonders hohen EPA-Anteil aufweist und dass ich Rheumatikern und anderen Patienten mit chronischen Entzündungen sage, dass sie mind. 3 Monate die Therapieempfehlungen konsequent durchführen müssen, um den Erfolg beurteilen zu können. Aber es ist doch auch ganz schön, die eigenen Erfahrungen und Empfehlungen wissenschaftlich bestätigt zu bekommen.

Buchtipp des Monats

Omega-3 – Öl des Lebens für mehr Gesundheit

Dieses Buch ist im Januar 2018 erschienen und kostet 19,90 € bzw. 24,90 CHF.

Omega-3 – Öl des Lebens für mehr Gesundheit

Fettsäuren zum vorbeugen und heilen: Zivilisationskrankheiten vorbeugen l Gut für die Psyche l Stärkt Herz und Kreislauf

Hier habe ich all mein Wissen zu Omega-3-Fettsäuren zusammengefasst. Es geht um die Grundlagen des Fettsäurestoffwechsels, Indikationen für den Einsatz von Omega-3-Fettsäuren in Prophylaxe und Therapie und praktische Tipps zum Umsetzen. Nach Lektüre dieses Buches wissen Sie mehr über das Thema als die meisten Ärzte und Ernährungsberater – versprochen! Sie wissen aber vor allem, was Sie selbst tun können, um mit den richtigen Omega-3-Fettsäuren in der richtigen Dosis Ihre Gesundheit zu erhalten oder wiederherzustellen zu helfen. Nun aber ran an die Fische! Hier können Sie das Buch erwerben.

Weitere Antworten zu Fragen zu Omega-3 finden Sie auf: http://www.dr-schmiedel.de/faqs-buch/

aufgeschnappt und kommentiert – aufgeschnappt und kommentiert

Dr. med. Quintus Querulantius macht diesen Monat mal Urlaub. Ich bitte um Verständnis!

aufgeschnappt und kommentiert – aufgeschnappt und kommentiert

Literaturliste – für alle, die wissenschaftlich tiefer bohren und die wissenschaftlichen Quellen erkunden möchten, unter http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed können Sie die Abstracts (in Englisch) nachlesen und manchmal auch Links zu den Originalarbeiten finden:Martineau AR et al.:

  1. (1) Jiang J, Li K, Wang F, Yang B, Fu Y, Zheng J, Li D: Effect of Marine-Derived n-3 Polyunsaturated Fatty Acids on Major Eicosanoids: A Systematic Review and Meta-Analysis from 18 Randomized Controlled Trials. PLoS One. 2016 Jan 25;11(1):e0147351. doi: 10.1371/journal.pone.0147351. eCollection 2016.