Wie Sie Entzündungen mit Ernährung und Nährstoffen vorbeugen können

Die klassischen Entzündungszeichen sind Rubor (Rötung), Calor (Wärme), Dolor (Schmerz), Tumor (Schwellung) und functio laesa (eingeschränkte Funktion). Ein Bienenstich ist genauso eine Entzündung wie der akute Schub einer rheumatischen Erkrankung. Lange vor dem Ausbruch von Entzündungen (nicht beim Bienenstich, aber bei allen chronischen Entzündungen) lag aber oft eine jahrelange erhöhte Entzündungsneigung vor, die den Ausbruch der Entzündung erst möglich gemacht hat.

Wenn es gelänge, mit Ernährung und Nährstoffen diese Entzündungsneigung zu reduzieren, würden vermutlich weniger chronische Entzündungskrankheiten wie Asthma, Neurodermitis, Rheuma und Multiple Sklerose ausbrechen oder zumindest blander verlaufen.

Abb.1: Wie einen Schwelbrand müssen wir uns eine stille Entzündung vorstellen

Was ist die richtige Ernährungsform?

Vielleicht sollten wir uns so ernähren wie früher? Und mit früher ist nicht die Zeit vor 200, sondern vor 200.000 Jahren gemeint, die Paleo- oder Steinzeitdiät. An diese Nahrung sind wir seit Millionen Jahren angepasst. Sie enthält Obst, Salate, Gemüse, Beeren, Nüsse, wenige Eier, Fleisch (Wild) und Fische (nicht aus Zucht). Süßgetränke und andere zuckerhaltigen Lebensmittel, Getreide und daraus hergestellte Gerichte sowie Milch und Milchprodukte findet man allerdings vergebens. Und in der Tat: Eine Studie an 60 übergewichtigen Frauen fanden unter einer solchen Kost weniger hohe Entzündungsmarker CRP und IL-6 als unter einer normalen Kontrolldiät (1).

Aber auch unter anderen Ernährungsformen lassen sich weniger Entzündungen finden. Die berühmte mediterrane Diät besteht nicht etwa darin, eine Salami-Pizza in den Ofen zu schieben und dann mit einem halben Liter Rotwein herunter zu spülen. Eine traditionelle mediterrane Ernährung, wie sie flächendeckend auch in Italien nur bis in die frühen 60er Jahre des letzten Jahrhunderts durch geführt wurde (in jedem Dorf gibt es dort inzwischen auch Fastfood-Restaurants), besteht aus mehr Fisch als Fleisch, viel Salat, Gemüse und Obst, Pasta und natürlich darf das Gläschen Rotwein auch nicht fehlen. Eine nordische Diät enthält viele Omega-3-reiche Fische und antioxidantienreiche Beeren. Eine tibetische Diät ist überwiegend lakto-vegetabil sowie an Tages-, Jahreszeit und Konstitutionstyp angepasst. Bei all diesen Kostformen konnte ein verminderter CRP-Wert als Ausdruck einer geringen Entzündungsneigung nachgewiesen werden (2).

Abb. 2: Nordische Diät: Viel Fisch mit Omega-3-Fettsäuren und…

Abb. 3: …Beeren mit anti-oxidativen Polyphenolen helfen gegen Entzündungen

Generell scheinen vegetarische Kostformen sich in der Vermeidung von Entzündungen als günstiger zu erweisen. Es gibt sogar eine Meta-Analyse, die unter Berücksichtigung von immerhin 29 Studien deutlich verminderte Entzündungsmarker CRP und IL-6 fanden (3).

Ungesund ist hingegen eine Kost mit einem hohen Verarbeitungsgrad. Vollwertköstler haben das ja schon immer gewusst, aber jetzt wurde es wissenschaftlich bestätigt. Versuchspersonen erhielten Diäten, die mit verschiedenen Ölen angereichert waren. Nur die Gruppe mit einem teilgehärteten Sojabohnenöl reagiert mit einem Anstieg von CRP. Die Forscher folgerten daraus, dass Öle möglichst naturbelassen bleiben sollen (4).

Also müsste nach diesen Daten doch eine vegane Rohkost die entzündungshemmendste auf der Welt sein. Dies konnte jedoch in einer Studie nicht bestätigt werden. Bei 107 Hospitanten eines veganen Instituts wurden zu Beginn und 12 Wochen nach Umstellung auf eine vegane Rohkost die Entzündungswerte gemessen. Es konnte dabei keine Senkungen der Entzündungswerte CRP, Gesamt-, B- und T-Lymphozyten gefunden werden (5).

Woran könnte das liegen? Eine solche Kost enthält zwar keine entzündungsfördernde Arachidonsäure (aus tierischen Fetten), aber auch keine entzündungshemmende Eisosapentaensäure (aus Fischen). Sie ist reich an entzündungshemmenden sekundären Pflanzeninhaltsstoffen, aber auch arm an den entzündungshemmenden Nährstoffen Vitamin D und Selen. Wir brauchen also viele Bestandteile in unserer Nahrung, um gesund zu bleiben.

Aus all diesen Erkenntnissen, aber auch aus vielen anderen Untersuchungen, die aus Platzgründen hier gar nicht alle erwähnt werden können wissen wir also, was wir tun können, um chronische Entzündungskrankheiten zu vermeiden bzw. bestehende zu lindern:

  • Vermeidung von Arachidonsäure aus tierischen Fetten
  • Vermeidung von Linolsäure aus Pflanzenölen wie Sonnenblumen-, Distel-, Mais- oder Sojaöl
  • Zufuhr von Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA) aus Fischen und anderen maritimen Quellen
  • Zufuhr von Vitamin D aus Sonnenlicht, Fischen, Pilzen und Avocados
  • Zufuhr von Selen aus Meeresprodukten, Wildpilzen, Para- und Kokosnüssen
  • Zufuhr von Lebensmitteln, die reich an Polyphenolen und anderen Antioxidantien sind wie z.B. Curcuma, Kakao, Kohl

Wenn ich bereits eine chronische Entzündungskrankheit habe, dann muss ich natürlich noch konsequenter sein als wenn ich nur vorbeugen möchte. Spätestens dann würde ich Werte wie die Fettsäuren, Vitamin D und Selen messen, um optimale Werte anzustreben. Um solche optimalen Werte zu erzielen, kommt man dann selten ohne Nahrungsergänzungen aus.

Studie des Monats

Omega-3-Fettsäuren beeinflussen die Diversität des Mikrobioms im Darm

Die Darmflora von Naturvölkern weist eine wesentlich größere Anzahl unterschiedlicher Bakterienarten als die von so genannten Zivilisationsgesellschaften auf. Ursächlich dafür werden Veränderungen der Ernährung verantwortlich gemacht. Die Folgen sollten – zusammen mit anderen Faktoren – eine Zunahme von Entzündungen sowie Übergewicht und viele andere Krankheiten sein.

In dieser Studie haben englische Forscher aus London und Nottingham den Einfluss verschiedener Fettsäuren auf die Darmflora (oder neudeutsch: das Mikrobiom) untersucht. Sie untersuchten daher die Darmbakterien von 816 Zwillingen, maßen die Fettsäurespiegel im Blut und schätzten die Fettsäurezufuhr anhand eines Ernährungsfragebogens ab.

Die höchste Diversität fanden sie bei denjenigen, die die beste Versorgung im der maritimen Omega-3-Fettsäure DHA aufwiesen – dies galt sowohl für die Nahrungszufuhr als auch die Blutspiegel. Aus anderen Studien wissen wir, dass eine hohe Ballaststoffzufuhr ebenfalls die Vielfalt der Darmflora günstig beeinflusst. Auch als die Forscher den Anteil der Ballaststoffzufuhr an der Diversität herausrechneten, blieb der Einfluss von DHA erhalten. Die Forscher folgerten aus ihren Daten:

„We also found that specific bacteria that have been linked to lower inflammation and lower risk of obesity are increased in people who have a higher intake of omega-3 fatty acids.“

Wir wissen aus vielen anderen Untersuchungen, über welche Wege Omega-3-Fettsäuren zur Minderung von Entzündungen (z.B. vermehrte Bildung von Prostaglandinen der Gruppe 3 und von Resolvinen) bzw. zur Vermeidung von Übergewicht (z.B. Anregung des braunen Fettgewebes, Erhöhung der Körpertemperatur) beitragen. Über die Beeinflussung der Darmflora wurde jetzt ein weiteres Puzzlestein im Mosaik der segensreichen Wirkungen von Omega-3-Fettsäuren gefunden (Literaturquelle siehe unten, 6).

Abb. 4: Darmbakterien – je mehr unterschiedliche, desto besser gegen Entzündungen

Buchtipp des Monats

Ganz frisch erschienen: Clever essen gegen Krebs

Ein Kochbuch von Claudia Lazar und Monika Cordes mit einem Vorwort von Dr. Volker Schmiedel (u.a. Autor von „Quickstart Nährstofftherapie“ und „Natürlich Fisch!“) mit gesunden und einfachen Rezepten zum leckeren Nachkochen.

Übrigens: Man muss nicht von Krebs betroffen oder gefährdet sein, um die Gerichte zu genießen.

14,95 € im Buchhandel oder direkt hier online erwerben.

aufgeschnappt und kommentiert – aufgeschnappt und kommentiert

Welt-Osteoporose-Tag am 20. Oktober

Dr. med. Quintus Querulantius merkt hierzu an: Die Belgier waren in Europa die ersten. Frankreich und die Niederlande folgten. Bulgarien, Lettland und Österreich machen auch schon mit. Sogar Tunesien und Tschad sowie Kamerun und Kongo haben es. In der Schweiz ist immerhin der Kanton Tessin schon so weit. Im nächsten Jahr gibt es aber bei unserem südlichen Nachbarn eine nationale Volksabstimmung (die Schweiz ist eben das einzige demokratische Land der Welt, wo das Volk wirklich etwas zu sagen hat).

Wovon um alles in der Welt rede ich eigentlich? Einige werden es schon erkannt haben: Es geht um das so genannte Burkaverbot. Der Begriff ist eigentlich falsch. Korrekt wäre Verschleierungsverbot oder Gesichtsverschleierungsverbot. Die Österreicher machen es noch ein wenig komplizierter und nennen es Anti-Gesichtsverhüllungsgesetz. Burka ist deshalb falsch, weil der Niqab auch dazu gehört.

Abb. 5: Wenn wir von Burka (vollständige Gesichtsverhüllung) sprechen, meinen wir meist den Niqab (Augen bleiben frei) – Vitamin D-Mangel ist bei beiden garantiert

Was hat das Ganze nun mit dem Welt-Osteoporose-Tag zu tun? Nun, ganz einfach. Osteoporose ist ein weltweites Problem, besonders bei Frauen nach den Wechseljahren. Muslimische Frauen sind aber noch mehr davon betroffen, obwohl die meisten Länder mit einem hohen Anteil an Muslimen in eher südlichen, sonnenreichen Regionen liegen. Der Grund liegt auf der Hand: Wenn wir nicht gerade Inuit mit einem hohen Anteil an Vitamin D-reicher, maritimer Nahrung sind, müssen wir den größten Teil unserer Vitamin D-Versorgung mit der eigenen Synthese bilden. Und das geht nur, wenn wir bei einem Sonnenstand von mehr als 45° größere Teile der Haut der Sonne ungeschützt exponieren. Fast niemand hat bei uns auch mit heller Haut einen optimalen Vitamin D-Spiegel. Bei Menschen mit dunklerem Teint aus nordafrikanischen Ländern oder aus Indien liegen die von mir gemessenen Werte mitunter noch unterhalb der Labornachweisgrenze. Vitamin D ist dann schlichtweg nicht mehr messbar. Ich hatte bisher leider noch keine Patientin gehabt, die in der Öffentlichkeit eine Burka oder einen Niqab trägt. Aber deren Vitamin D-Spiegel muss einfach unterirdisch sein.

Vitamin D-Mangel ist aber der wichtigste Risikofaktor für eine Osteoporose. Nebenbei: Es gibt auch überzeugende Hinweise darauf, dass Krebs, Diabetes, Autoimmunkrankheiten wie Rheuma, Asthma, Neurodermitis, Herzkrankheiten u.v.m. ebenfalls deutlich gehäuft auftreten. Ich bin überhaupt nicht aus politischen, religiösen oder ideologischen Gründen für ein Verschleierungsverbot, sondern allein aus gesundheitlichen Gründen. Merkwürdigerweise habe ich dieses Argument in der ganzen Diskussion bisher noch nie vernommen. Die Verschleierung von Muslima ist aber nichts anderes als eine Körperverletzung! Nebenbei: Soweit ich gehört habe, soll im Koran auch gar nichts davon stehen. Die unmenschlichen Bekleidungsvorschriften haben meines Wissens erst frauenfeindliche Imame einige Jahrhunderte nach Mohammed in die islamische Welt gebracht.

Die preiswerteste, nebenwirkungsärmste und sinnvollste Medizin ist die Prävention. Wir können Osteoporose und vielen anderen Krankheiten leicht und effektiv vorbeugen. Mit dem Verbot des Gesichtsschleiers wäre es allein natürlich nicht getan. Wenn ich im Sommer (und lediglich von Mai bis September wird um die Mittagszeit Vitamin D gebildet) nur das unverhüllte Gesicht der Sonne aussetze, so kann ich gerade mal wenige hundert Einheiten Vitamin D bilden. Um eine effiziente Vitamin D-Versorgung zu haben, müssten schon größere Regionen entblößt werden. Das wird dann schon schwerer umzusetzen sein. Und dann wären auch nicht nur Muslima, sondern auch die katholischen Nonnen dran. Deren Vitamin D-Werte würde ich auch gern mal sehen. Aber das Verschleierungsverbot wäre immerhin ein erster Schritt.

Wie schaut die Situation in Deutschland aus? Auch hier gibt es durchaus politische Bestrebungen für ein Burkaverbot, aber der Wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestages veröffentlichte 2012 ein Gutachten, wonach dies verfassungsrechtlich gar nicht möglich sei. Ich denke, dass hier dem hohen Gut der Freiheit zu tun, was man möchte (wenn man andere dabei nicht schädigt), eine hohe Priorität eingeräumt wurde. Ja, aber warum muss ich mich dann im Auto anschnallen? Ich möchte auch hier so frei sein, zu entscheiden, ob ich das tun möchte oder nicht. Hier wird meine Freiheit aus nachvollziehbaren, nämlich gesundheitlichen Gründen eingeschränkt (übrigens würde ich mich auch anschnallen, wenn dies nicht vorgeschrieben wäre). Und warum ist es in Deutschland immer noch aus (vermeintlich) gesundheitlichen Gründen verboten, Cannabis zu konsumieren? Es ist in Medizin und Pharmazie unbestritten, dass Cannabis harmloser ist als Alkohol, vom Tabakrauchen wollen wir erst gar nicht reden. Nebenbei: Cannabiskonsum wird noch in dieser Legislaturperiode legalisiert werden, aber bis dahin werden die Konsumenten kriminalisiert, angeblich um ihre Gesundheit zu schützen. Warum dann nicht auch die brüchigen Knochen der mit dem Vollschleier missbrauchten armen Muslima mit gesetzlichen Vorschriften vor Frakturen zu bewahren?

Herzliche Grüße und feste Knochen zum Welt-Osteoporose-Tag wünscht Ihnen Ihr

Dr. med. Quintus Querulantius

 

aufgeschnappt und kommentiert – aufgeschnappt und kommentiert

Literaturliste – für alle, die wissenschaftlich tiefer bohren und die wissenschaftlichen Quellen erkunden möchten, unter http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed können Sie die Abstracts (in Englisch) nachlesen und manchmal auch Links zu den Originalarbeiten finden:

  1. Bo Y, Zhang X, Wang Y, You J, Cui H, Zhu Y, Pang W, Liu W, Jiang Y, Lu Q: The n-3 Polyunsaturated Fatty Acids Supplementation Improved the Cognitive Function in the Chinese Elderly with Mild Cognitive Impairment: A Double-Blind Randomized Controlled Trial. Nutrients. 2017 Jan 10;9(1). pii: E54. doi: 10.3390/nu9010054.
  2. Neale EP, Batterham MJ, Tapsell LC: Consumption of a healthy dietary pattern results in significant reductions in C-reactive protein levels in adults: a meta-analysis. Nutr Res. 2016 May;36(5):391-401.
  3. Eichelmann F, Schwingshackl L, Fedirko V, Aleksandrova K: Effect of plant-based diets on obesity-related inflammatory profiles: a systematic review and meta-analysis of intervention trials. Obes Rev. 2016 Nov;17(11):1067-1079. doi: 10.1111/obr.12439. Epub 2016 Jul 13.
  4. Teng KT, Voon PT, Cheng HM, Nesaretnam K: Effects of partially hydrogenated, semi-saturated, and high oleate vegetable oils on inflammatory markers and lipids. Lipids. 2010 May;45(5):385-92.
  5. Link LB, Hussaini NS, Jacobson JS: Change in quality of life and immune markers after a stay at a raw vegan institute: a pilot study. Complement Ther Med. 2008 Jun;16(3):124-30.
  6. Menni C, Zierer J, Pallister T, Jackson MA, Long T, Mohney RP, Steves CJ, Spector TD, Valdes AM: Omega-3 fatty acids correlate with gut microbiome diversity and production of N-carbamylglutamate in middle aged and elderly women. Sci Rep. 2017 Sep 11;7(1):11079. doi: 10.1038/s41598-017-10382-2.