„Mundus vult decipi, ergo decipiatur.“
Die Welt will betrogen sein, daher werde sie betrogen.
Römische Weisheit

So, heute will ich mal nicht über die Schulmedizin lästern, sondern über Irrtümer in der Naturheilkunde herziehen. Ja, die gibt es auch. Kaum vorstellbar, aber auch in der Naturheilkunde ist nicht alles Gold, was glänzt. Und manches faule Ei versteckt sich unter den vielen Perlen der Naturheilkunde.

Vitamin K2 – Lügen, die fast jeder schon mal gehört hat

„Ohne Vitamin K2 wirkt Vitamin D gar nicht.“ Oder schlimmer noch: „Ohne Vitamin K2 führen hohe Dosen Vitamin D zu Gefäßverkalkung.“ Unglaublich viele meiner Patienten kennen diese Lüge. Ich muss dann immer viel Zeit und Energie dafür verschwenden, die Patienten über diesen Unsinn aufzuklären.

Hier zunächst die gute Nachricht: Es gibt Hinweise darauf, dass Vitamin K2 gut für den Knochen und die Gefäße sein könnte. Eine schöne Übersicht über die positiven Effekte gibt es in diesem Interview mit dem Apotheker Gröber sowie Prof. Kisters.

natto

Natto (fermentiertes Soja) ist besonders reich an Vitamin K2

Am Ende betonen beide, dass aufgrund synergistischer Effekte Vitamin K2 und D sich möglicherweise gut ergänzen könnten. Aber für die oben aufgestellten Behauptungen gibt es bisher nicht auch nur den Hauch eines Hinweises. Wer solches behauptet, muss es schon beweisen können oder muss sich nicht wundern, wenn er der Falschinformation bezichtigt wird. Von wem dieser blühende Unsinn ausgeht, weiß ich nicht. Glauben Sie aber nicht unbesehen alles, was vollmundig mit dem Brustton der Überzeugung abgesondert wird. Vielleicht werde ich in 10 Jahren auch all meinen Patienten Vitamin K2 verordnen, aber bisher bin ich davon noch nicht überzeugt worden. Und die unseriöse Meinungsmache wirkt auf mich sogar abschreckend und hält mich eher von einer Empfehlung ab. Seriöse Produkte brauchen keine Lügen, um sich im Markt durchzusetzen.

„Die Behauptung Vitamin D3 würde ohne Vitamin K2 eine Gefäßverkalkung verursachen, entbehrt bisher der wissenschaftlichen Evidenz, insbesondere wenn ein gesunder 25(OH) D-Status von 40–60ng/ml eingehalten wird. Zudem ist die Datenlage zu MK-7 (eine Unterart von Vitamin K2, Anm. von Schmiedel) unter dem Aspekt der Gefäßverkalkung noch nicht abschließend geklärt. Die Ergebnisse größerer Studien (z.B. Universität Maastricht) werden mit Spannung erwartet.“

Gröber U, Kisters K. Vitamin K – in der Prävention und Therapie. EHK 2016; 65: 184–191

Abzocke mit Omega-3

Fahren wir mit dem Krillöl fort. Da gibt es im Moment ja einen richtigen Hype. Dass Omega-3-Fettsäuren in Fischöl gut sind, wissen mittlerweile fast alle. Aber gut reicht ja nicht, es muss schon was Besseres sein. Viele tun es dann nicht unter dem Mercedes der Omega-3-Fettsäuren. Damit meine ich jetzt nicht die Qualität, sondern den Preis.

Auch hier zunächst einmal die gute Nachricht: Krillöl ist etwas sehr Wertvolles für die Gesundheit. Die Omega-3-Fettsäuren im Krillöl sind genauso gut wie die im Fischöl. Aber auch nicht besser. 2 g Omega-3-Fettsäuren aus Krill hat dieselben anti-entzündlichen, antidepressiven und sonstigen positiven Wirkungen wie die aus Fisch. Aber auch nicht mehr. Die Dosis ist eben das entscheidende.

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Die Rotfärbung beim Krill kommt vom Carotinoid Astaxanthin

Und was ist mit der Qualität? Wird Omega-3 aus Krill nicht viel besser aufgenommen als das aus Fischöl? Wer es nicht glaubt: Mit diesem Link kommen Sie auf die Originalarbeit, die genau diese Frage geprüft hat.

In dieser Studie haben 66 Versuchspersonen die gleiche Menge Omega-3-Fettsäuren aus Krillöl, Fischöl oder Ethylester bekommen. Alle drei Gruppen wiesen exakt denselben Anstieg auf. Ethylester waren minimal, aber nicht signifikant schlechter. Ethylester würde ich auch aus anderen Gründen nicht präferieren, aber die Aufnahme war nicht signifikant schlechter. Hier eine Graphik aus der Studie:

Aber Krillöl enthält doch noch Astaxanthin. Das ist ein Carotinoid wie Beta-Karotin aus Möhren oder Lycopin aus Tomaten. Also ein gesunder, anti-oxidativer Nährstoff. Den Hype um Astaxanthin kann ich allerdings auch nicht nachvollziehen. Ich habe die weltweit größte medizinische Datenbank PubMed nach Astaxanthin durchforstet und bin dabei auf ganze 28 Studien gestoßen. Und ja, es hat positive Effekte. So wird bei Einnahme von Astaxanthin die Geschwindigkeit der Spermien gesteigert und in der Hühnerzucht wird die Ausscheidung von Ammoniak vermindert. Wenn das nichts ist! Aber sehr viel mehr gibt es auch nicht. Keine großen klinischen Studien. Keine Studien über wichtige Themen wie Herzinfarkt oder Krebs. Aber es ist halt so schön rot und das Krillöl unterscheidet sich durch diese Farbe so deutlich vom scheinbar faden Fischöl. Krillöl ist damit das Purpur unter den Omega-3-Ölen. Dadurch sieht es wertvoller aus. Ob es dadurch auch wertvoller ist, wurde bisher in keiner einzigen Studie bewiesen. Zu Omega-3 aus Fischöl gibt es mit exakt 2927 Studien (Stand 26.11.2016) etwa 100x so viele Studien.

Aber Krillöl ist teurer. Wesentlich teurer. Ich habe mir mal die Mühe eines Preisvergleiches in Deutschland gemacht. Ich habe stark beworbene Krillöle mit einem qualitativ hochwertigen Fischöl verglichen. Wenn man 2 g reines Omega-3 einnimmt, kostet das Fischöl 30 € im Monat. 2 g ist die Dosis, ab der therapeutische Effekte zu erwarten sind. Bei Krillöl kostet dieselbe Dosis aber 300-600 € im Monat. Das wird sich aber nicht jeder leisten können. Darum empfehlen die Hersteller die Einnahme von 1-2 Kapseln mit etwa 100-200 mg reinem Omega-3. Das ist dann zwar bezahlbar, hat aber – bis auf Placeboeffekte – auch keine Wirkung mehr.

Omega-3 und Cholesterin

Omega-3

Bleiben wir beim Thema Omega-3, einem meiner Lieblingsthemen. Auch hier möchte ich mit einem Missverständnis aufräumen. Ich möchte es nicht Lüge nennen, da ich es von Herstellern bisher nicht gehört habe, aber von vielen Patienten. Es kommt immer wieder vor, dass ich Patienten den Laborzettel erläutere und wir stoßen auf einen Cholesterinwert, der oberhalb der Norm der Labore ist. Über Normwerte könnten wir auch einmal lang und breit diskutieren. Aber wenn der Normbereich eines Wertes überschritten wurde, muss ich es meinem Patienten schon erläutern. Das muss nicht immer gleich eine therapeutische Konsequenz haben.

Viele Patienten sind dann erschrocken und sagen, das könne doch gar nicht sein. Sie nehmen doch schon Fischöl zur Cholesterinsenkung ein. Abgesehen davon, dass die meisten Patienten Dosierungen einnehmen, von denen keine therapeutischen Effekte zu erwarten sind (dafür benötigt man meist 2000 mg EPA/DHA), macht Omega-3 nun wirklich ganz Vieles. Es wirkt anti-entzündlich, anti-depressiv, senkt den Blutdruck, erhält die geistigen Fähigkeiten, unterstützt die Sehkraft usw. Nur das Cholesterin senkt es leider nicht.

Cholesterin

cholesterol

Cholesterin – berühmt-berüchtigt und immer noch umstritten

In der unten aufgeführten Meta-Analyse (Zusammenfassung vieler ähnlicher Studien) wurden die Ergebnisse von insgesamt 159 verschiedenen Studien addiert. Dabei kam es zu einem geringen Anstieg des schlechten LDL-Cholesterins. Zu einem Anstieg, der nicht sehr hoch war, aber es war kein Abfall. Da auch das gute HDL in gleichem Ausmaß anstieg, blieb der für die Gefäße wichtige LDL/HDL-Quotient immerhin gleich. Da außerdem die Triglyceride deutlich abnahmen, führte Omega-3 insgesamt sogar zu einer Verbesserung der Fettstoffwechselsituation, aber eben nicht über das Cholesterin, sondern über die Triglyceride. Den Zahn der Cholesterinsenkung durch Omega-3 muss ich meinen Patienten also leider ziehen. Wegen der blutdrucksenkenden, thrombozytenaggregations-hemmenden, Stabilisierung des Zuckerstoffwechsels, parasympathomimetischen Wirkung (Beeinflussung des vegetativen Nervensystems in Richtung Stressabbau) wirken Omega-3-Fettsäuren trotzdem vorbeugend bei koronarer Herzkrankheit – aber eben leider nicht über das Cholesterin.

Castro IA, Barroso LP, Sinnecker P: Functional foods for coronary heart disease risk reduction: a meta-analysis using a multivariate approach. Am J Clin Nutr. 2005 Jul;82(1):32-40.

 

Meine Bücher

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Wer mehr über die Bedeutung, kritische Diagnostik und ganzheitliche Therapie von Cholesterin erfahren möchte, besorge sich bitte mein Buch „Cholesterin – endlich Klartext“, TRIAS-Verlag, 14,99 €.

 

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Wer noch mehr in die fischige Materie eintauchen will, ist bei meinem Buch „Natürlich Fisch! Was Sie über Omega-3-Fettsäuren wirklich wissen müssen“, TRIAS, 9,99 € gut aufgehoben.

 

aufgeschnappt und kommentiert – aufgeschnappt und kommentiert

Gesunder Skeptizismus

Dr. med. Quintus Querulantius merkt hierzu an: Ist das nicht ärgerlich? Da gibt es Erkenntnisse über Vitamin D, Vitamin K, Omega-3 und viele andere Nährstoffe, die bewiesen sind oder für die es zumindest starke und wissenschaftlich begründete Hinweise gibt, die fast niemand kennt. Fehlinformationen (unbewusst entstanden) oder Lügen (aus ideologischen oder ökonomischen Gründen vielleicht bewusst gestreut) kennt hingegen fast jeder. Es ist zum aus der Haut fahren!

Ich weiß auch nicht, woran es liegt, dass Vermutungen und Unwahrheiten oft leichter Glauben geschenkt wird als nachgewiesenen Fakten. Möglicherweise liegt es daran, dass wir gern alles glauben, was wir glauben wollen, weil es in unser Weltbild passt. Und das ist meist einfach gestrickt. Schwarz und weiß. Grautöne mögen wir nicht so gern. In einer komplexen Welt – und sie wird nicht weniger komplex werden! – müssen wir uns aber mit unbequemen Wahrheiten und der Tatsache anfreunden, dass nicht alles nach einfachen Ursache-Wirkungs-Prinzipien abläuft.

Ich freue mich, wenn Patienten ihren Therapeuten glauben – das fördert Heilungsprozesse. Ein gesunder Skeptizismus gegenüber allzu vollmundigen Behauptungen wäre allerdings auch manchmal angebracht, besonders wenn sie von charismatischen Gurus vertreten werden. Ich halte es da gern mit dem französischen Schriftsteller André Gide:

„Glaube an die, die nach der Wahrheit suchen, zweifle an denen, die sie immer finden.“

Doch trotz aller Widerstände, aller mühseliger Diskussionen mit Menschen die in ihrem Weltbild fixiert sind und nicht bereit, andere als ihre eigenen Überzeugungen in Erwägung zu ziehen, bleibe ich grundsätzlich optimistisch. Die Wahrheit (wenn es überhaupt „die Wahrheit“ gibt), wird sich irgendwie durchsetzen, Fehlinformationen werden widerlegt werden, auch wenn es manchmal dauert. Daher möchte ich diesen Newsletter mit den besten Wünschen für eine besinnliche Adventszeit, ein frohes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch in ein Neues und vor allem gesundes Jahr sowie einem hoffnungsvollen Zitat von Abraham Lincoln beenden:

„Man kann einen Teil des Volkes die ganze Zeit täuschen und das ganze Volk einen Teil der Zeit. Aber man kann nicht das gesamte Volk die ganze Zeit täuschen.“

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