Die Irrtümer des Robert-Koch-Instituts

Vor einigen Monaten erschien schon einmal ein Newsletter zu dieser Thematik.

https://www.dr-schmiedel.de/vitamin-d-unter-beschuss/

Aus gegebenem Anlass sehe ich mich genötigt, schon wieder eine Lanze für das Vitamin D zu brechen. Die Studien, die ich im Internet und auf Veranstaltungen wie dem Kongress für Menschliche Medizin kennenlerne, sind so überzeugend, dass ich mich einfach nur wundere, warum angebliche „Experten“ die Datenlage immer noch nicht zur Kenntnis nehmen wollen und auf eine für die Volksgesundheit schädliche Weise das Vitamin D diskreditieren. Beispielhaft habe ich mir die Empfehlungen des doch als sehr seriös geltenden Robert-Koch-Instituts (RKI) herausgepickt und möchte diese kommentieren. Alle Zitate stammen aus der Internetseite des RKI

https://www.rki.de/SharedDocs/FAQ/Vitamin_D/Vitamin_D_FAQ-Liste.html

in der Fassung vom 25.01.2019, sind also ziemlich aktuell. Meine Kommentare sind fett gedruckt:

Wann spricht man von einem Vitamin-D-Mangel?

… Der Vitamin-D-Serumspiegel unterliegt jedoch starken saisonalen Schwankungen. Wird bei der einmaligen Untersuchung des Vitamin-D-Status ein niedriger Wert gemessen, muss dies nicht zwingend bedeuten, dass bereits ein langfristiger Vitamin-D-Mangel und damit klinische Symptome vorliegen oder auftreten werden.

Wie bitte? Da würde mich mal interessieren, was Labore dazu sagen. Wir messen, aber es bringt gar nichts? Natürlich gibt es immer den berühmten „Laborfehler“. Wenn ich heute Vitamin D messe und eine Stunde später noch einmal, dann kann sich eine kleine Fehlertoleranz im Prozentbereich ergeben. Ich habe aber noch nie erlebt, dass die eine Messung bei 100 und die andere innerhalb eines kurzen Zeitraumes (wenn meist unnötigerweise mal eine Doppelmessung veranlasst worden war) bei 150 nmol/l lag. Der Spiegel des Speicher-Vitamin D (25-OH Vitamin D) ist nach meiner Erfahrung sehr stabil. Bei einer Änderung der Lebensweise, der Ernährung oder einer Medikationsänderung sollte wegen der langen Halbwertszeit von Vitamin D (mehrere Wochen) eine Kontrolle erst nach etwa 3 Monaten stattfinden. Weiß das RKI das etwa alles nicht?

Welche Folgen kann ein Vitamin-D-Mangel haben?

Ein Vitamin-D-Mangel kann bedeutsame Auswirkungen auf die Knochengesundheit haben. Die gravierendsten Folgen sind die Entkalkung und letztendlich die Erweichung der Knochen. Bei Säuglingen und Kindern kann dies zum Krankheitsbild der Rachitis führen, das heißt zu schwerwiegenden Störungen des Knochenwachstums und zu bleibenden Verformungen des Skeletts inklusive Aufreibungen (Hier sind Auftreibungen gemeint. OK, das ist jetzt ein kleiner Druckfehler, der jedem passieren kann. Aber würde man hier nicht ein sorgfältiges Korrekturlesen erwarten?) im Bereich der Wachstumsfugen. Zudem werden häufig eine verringerte Muskelkraft, ein verminderter Muskeltonus sowie eine erhöhte Infektanfälligkeit beobachtet.


In den vergangenen Jahren wurden darüber hinaus Zusammenhänge zwischen der Vitamin-D-Versorgung und nicht-skelettalen Erkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes mellitus Typ 2 sowie kardiovaskulären oder Krebskrankheiten in Beobachtungsstudien gefunden. Bislang gibt es jedoch keine Beweise für kausale Beziehungen.

Immerhin wird bei Kindern auch eine mögliche Infektneigung bei Vitamin D-Mangel und statistische Zusammenhänge zu einigen anderen Erkrankungen erwähnt, aber dann wieder negiert. Aber ansonsten soll Vitamin D keine extra-ossären Wirkungen haben? Leben die Wissenschaftler vom RKI und ich auf verschiedenen Planeten? Ich kenne dutzende, wenn nicht hunderte von Studien, die ganz klare Auswirkungen von Vitamin D auf verschiedenste Organfunktionen und Krankheiten beweisen. Mit wenigen Mausklicks kann man diese alle bei PubMed finden. Wollte oder konnte das RKI das nicht herausfinden? Und ehrlich gesagt, weiß ich nicht, welche Antwort die schlimmere wäre.

Ich habe mir heute (am 18.04.2019) mal den Spaß gemacht, bei PubMed „vitamin d“ und den Filter „clinical trial“ einzugeben. Nur die erste erscheinende Studie habe ich mir daraufhin angeschaut. Dann habe ich den Filter „meta-analysis“ eingegeben. Wieder habe ich mir nicht eine „schöne“ Meta-Analyse herausgesucht, sondern habe die erstbeste genommen. Ich beschreibe beide Publikationen weiter unten.

Wie wird der Vitamin-D-Status bestimmt und beurteilt?

Zur Beurteilung von 25(OH)D-Serumwerten können verschiedene Referenzwerte herangezogen werden. Das Robert Koch-Institut verwendet die international häufig genutzte Klassifikation des US-amerikanischen Institute of Medicine (IOM), die sich auf die Knochengesundheit bezieht und 25(OH)D-Serumwerte wie folgt einteilt:

Die Auswirkung von des Vitamin D Spiegels auf den Körper

Dass es bei Werten von knapp über 125 nmol/l zu Herzrhythmusstörungen, Nierensteinen oder anderen Überdosierungserscheinungen kommen soll, halte ich für ein Ammenmärchen. Naturvölker, die artgerecht leben (überwiegend im Freien mit natürlicher Sonnenbestrahlung und ohne UV-Blocker) haben Werte von 100-150 nmol/l (Studie im letzten “Vitamin D unter Beschuss“). Dann müssten Menschen, die hunderttausende Jahre so gelebt haben, massenhaft an Vitamin D-Überdosierungen zugrunde gegangen sein. Ich würde gern mal eine Studie sehen, die eine Gefahr im Bereich von – sagen wir mal – 125-250 nmol/l aufzeigt. Ich habe dergleichen noch nie gesehen – weder in Studien noch bei meinen Patienten. Das, was von der Naturheilkunde immer gefordert wird, nämlich Beweise für Behauptungen, bleibt das RKI hier komplett schuldig. Nach meinen Informationen sind Werte bis zu 400 nmol/l bisher noch ohne Nebenwirkungen geblieben. Das heißt nicht, dass ich diese Werte gut finde. Wir befinden uns damit im Hoch-Dosis-Therapie-Bereich, der niemals ohne ärztliche Betreuung durch jemanden angestrebt werden sollte, der darin wirklich gut geschult ist.

Aber immerhin wird ein Wert unter 50 nmol/l als suboptimal angesehen und ein Wert von unter 30 nmol/l sogar als mangelhaft. Da sind wir ja gar nicht so weit auseinander. Erfreulicherweise hat das RKI selbst zwischen 2008 und 2011 (DEGS 1) eine Basiserhebung an knapp 7.000 Erwachsenen und zwischen 2003 und 2006 an mehr als 10.000 Kindern (KiGSS) durchgeführt. Und hier sind die Resultate:

 

Auswirkungen des Vitamin D Spiegels bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen

Wir halten mal fest zum Mitschreiben: Nach eigener Erhebung und eigener Interpretation des RKIs

–        weisen 45,6 % aller Kinder und 56 % aller Erwachsenen einen suboptimalen Wert auf (und wir reden hier vom Grenzwert von 50 und nicht von den Werten von 100-150 nmol/l, die ich und viele andere Therapeuten für optimal halten)

–        weisen 12,5 % aller Kinder und 15,2 % aller Erwachsenen absolut mangelhafte Werte auf. Das ist jedes achte Kind und jeder siebte Erwachsene!

Diese katastrophalen Daten müssten in Internet, Zeitungen und Fernsehen verbreitet werden. Nach Meinung des RKIs ist damit zwar „nur“ die Knochengesundheit gefährdet – aber da wären diese erschreckenden Zahlen auch schon Grund genug, um für eine Verbesserung zu sorgen. Wenn aber die Ansicht vieler mit einer Vitamin D-Therapie vertrauten Ärzte, Heilpraktiker, Ernährungsberater, Apotheker etc. zutrifft, dass auch Krebs-, Herz-Kreislauf-, Autoimmun- und viele andere Krankheiten bei solch niedrigen Werte viel häufiger auftreten, dann müsste ein Weckruf durch unsere Gesellschaft gehen und die Forderung nach häufigerer Messung und entsprechender Optimierung laut werden. Ich nehme in der öffentlichen Diskussion von offiziellen Meinungsbildnern wie RKI, DGE (Deutsche Gesellschaft für Ernährung) oder DGE (Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie) aber nur Warnungen vor Messungen (außer bei massiver Osteoporose, also wenn das Kind schon längst in den Brunnen gefallen ist) oder breitflächiger Versorgung der Bevölkerung mit ausreichenden Dosen Vitamin D wahr. Ich sehe ja an meinen Patienten, wie Depressionen, Rheuma und andere Erkrankungen unter Vitamin D (zusammen mit einigen anderen Nährstoffen) verschwinden können – ohne Medikamente. Das macht mich einfach nur traurig und wütend!

Um niedrigen Vitamin-D-Werten ganzjährig entgegenzuwirken, legen aktuelle Empfehlungen nahe, zwischen März und Oktober zwei- bis dreimal pro Woche Gesicht, Hände und Arme unbedeckt und ohne Sonnenschutz der Sonne auszusetzen. Für eine ausreichende Vitamin-D-Synthese reicht hierbei bereits die Hälfte der Zeit, in der sonst ungeschützt ein Sonnenbrand entstehen würde. Da Rötungen der Haut sowie Sonnenbrände grundsätzlich vermieden werden sollten, sind bei längeren Aufenthalten in der Sonne unbedingt Sonnenschutzmaßnahmen zu treffen.

Genug der Trauer – jetzt wird es einfach nur lächerlich! Jeder, der ab und zu Vitamin D-Messungen bei seinen Patienten durchführt, kann über eine solche im wahrsten Sinne des Wortes unterbelichtete Empfehlung, die seit Jahren unverändert und vor allem unbewiesen (!) kursiert, nur noch lachen. Liebe „Vitamin D-Experten“ vom RKI: Macht doch mal eine ganz kleine Studie. Hier das Design: Messt bei 300 gesunden Erwachsenen Ende März den Vitamin D-Spiegel (niedrigster Wert des Jahres) und Ende September noch einmal (höchster Wert des Jahres). Im Sommer steigen die Spiegel um etwa die Hälfte an, im Winter sinken sie um etwa ein Drittel ab. Dann teilt die Probanden randomisiert in drei Gruppen ein. Eine soll so weiterleben wie bisher (Kontrollgruppe), eine soll die obige Empfehlung mit der Besonnung durchführen und eine Gruppe erhält 4000 IE täglich (das ist die von Europäischen Lebensmittelsicherheitsbehörde EFSA für sicher angesehene Dosis). Ansonsten soll die Lebensweise (bezüglich Ernährung, Umgang mit Sonnenschutzmitteln etc. nicht geändert werden, andere Nahrungsergänzungen mit Vitamin D dürfen natürlich nicht eingenommen werden). Ich glaube, dass folgende Ergebnisse herauskommen würden:

–        Der Durchschnittswert liegt Ende März vermutlich deutlich unter dem Grenzwert des RKI von 50 nmol/l. Das heißt, ich sage voraus, dass mehr als die Hälfte der Bevölkerung im Frühling mindestens suboptimale Werte, wenn nicht einen richtigen Mangel aufweisen wird. Das ist jetzt keine sehr mutige Vorhersage, weil meine eigene Masterarbeit (und auch andere Untersuchungen) bereits solche Daten ergeben haben.

–        Die Kontrollgruppe wird mit ihren Werten im Sommer leicht angestiegen sein. Der Durchschnitt wird auf etwas über 50 nmol/l angestiegen sein, über 75 nmol/l werden wenige, über 100 nmol/l fast niemand sein.

–        Die nach den Empfehlungen des RKIs besonnte Gruppe wird vermutlich ein paar nmol/l besser liegen, aber es werden auch darunter nicht wenige immer noch unter den 50 nmol/l liegen.

Lediglich die Gruppe mit den 4000 IE wird einen deutlichen Anstieg zeigen. Fast alle werden über 50 nmol/l liegen, die meisten sogar über 75 nmol/l, einige sogar über 100 nmol/l, in einem toxischen Bereich wird aber niemand liegen.
Das ist alles Spekulation von mir. Aber ich würde eine ziemlich große Summe darauf wetten, dass ich nicht so ganz danebenliege. Hält jemand vom RKI dagegen?

Noch ein Wort zum Sonnenbrand. Natürlich ist ein Sonnenbrand nicht gut für die Haut und erhöht die Krebsgefahr. Aber alles unterhalb der Sonnenbrandschwelle ist gut (außer bei älteren Schrebergärtnern mit Glatze und ohne Hut, die stundenlang im Garten herumwerkeln und damit das Basaliomrisiko erhöhen, bei dem tatsächlich jeder Sonnenstrahl zählt, aber da muss man schon viel Sonne aufgesucht haben). Mit dem Schüren dieser UV-Krebs-Hysterie treibt man die Menschen dazu, sich schon eine halbe Stunde vor der Besonnung komplett mit 50er-UV-Schutz einzuschmieren und blockiert damit die Vitamin D-Bildung praktisch vollständig. Mit der Erzeugung dieses Vitamin D-Mangels werden vermutlich mehr Krebse (z.B. Brust, Kolon) erzeugt als Hautkrebse verhindert.

Neben einem Mangel kann es ebenfalls zu einer Vergiftung (Intoxikation) mit Vitamin D kommen. Dies ist darauf zurückzuführen, dass Vitamin D als fettlösliches Vitamin im Fett- und Muskelgewebe gespeichert werden kann.
Während Vergiftungen über die körpereigene Vitamin-D-Bildung und die natürliche Ernährung nicht erreicht werden können, sind sie durch übermäßig hohe Einnahmen von Supplementen (Nahrungsergänzungsmitteln), hochdosierten Medikamenten, einem hohen Konsum an angereicherten Lebensmitteln (oder einer Kombination der Varianten) möglich.
Bei einer übermäßig hohen Einnahme von Vitamin D entstehen im Körper erhöhte Kalziumspiegel (Hyperkalzämie), die akut zu Übelkeit, Appetitlosigkeit, Bauchkrämpfen, Erbrechen oder in schweren Fällen zu Nierenschädigung, Herzrhythmusstörungen, Bewusstlosigkeit und Tod führen können. Da Vitamin D im Körper gespeichert werden kann, ist neben einer akuten auch eine schleichende Überdosierung möglich.

Ja, hier muss ich dem RKI prinzipiell recht geben. Man kann Vitamin D überdosieren und man kann damit Schaden anrichten. Aber wie viele solcher Fälle gibt es denn im Jahr? Und wir dürfen davon ausgehen, dass jede solche Vergiftung auch an die Behörden gemeldet und in den Fach- und Publikumszeitschriften auch veröffentlicht wird („das gefährliche Vitamin D“). OK, dass es 1000-4000 Todesfälle (!) im Jahr allein durch Schmerz/Rheumamittel wie NSAR/ASS gibt, dass Medikamentennebenwirkungen mit ca. 25.000 Todesfällen nach Herzinfarkt/Schlaganfall und Krebs eine der häufigsten Todesursachen in Deutschland sind, ist in der Fachwelt unbestritten, findet aber merkwürdigerweise fast keine mediale Aufmerksamkeit. Das verstehe ich nicht: Jeder Nierenstein durch eine Vitamin D-Überdosierung erscheint in den Medien, aber 25.000 Todesfälle durch Medikamente werden praktisch verschwiegen? Kann mir das jemand mal – vielleicht sogar die Gralshüter der deutschen Gesundheit vom RKI – erklären?

Spaß (ok, ist eigentlich gar kein Spaß) mal beiseite. Mit Nährstoffen – auch mit Vitamin D – ist nicht nur zu spaßen. Ich hatte neulich zwei Patientinnen mit einer wirklichen Vitamin D-Überdosierung. Beide wiesen Werte von > 400 nmol/l auf – das ist nun einmal im toxischen Bereich. Die weitere Diagnostik ergab, dass der Kalziumspiegel im Blut, die Kalziumausscheidung im Sammelurin sowie weitere Herz- und Nierenuntersuchungen zum Glück noch völlig normal waren. Beide hatten aufgrund der leichtfertigen Ratschläge eines Nährstoffgurus unkontrolliert täglich Vitamin D-Dosen im fünfstelligen Bereich eingenommen. Das ist ungesund, das ist gefährlich, das ist dumm. Sie hatten das erst einige Wochen bis Monate getan – und es war bisher „nur“ zu einer laborchemischen Überdosierung, aber nicht zur Vitamin D-Vergiftung gekommen, was nach einiger weiterer Zeit der unkontrollierten Einnahme aber durchaus hätte passieren können. Ist das dann aber der Fehler von Vitamin D? Oder der des unverantwortlich handelnden Gurus und der Leichtgläubigkeit der beiden Damen? Wenn jemand die zehnfache Dosis eines Schmerzmittels einnimmt und dadurch Schaden erleidet, kommt doch auch niemand darauf, deswegen das Schmerzmittel zu verbieten. Was ich aber einfach nicht verstehen kann: Vor der (unglaublich seltenen) Überdosierung werden die Medien und „Experten“ nicht müde zu warnen. Die Folgen der (unglaublich häufigen, siehe die eigenen Zahlen des RKIs) Unterversorgung werden aber praktisch nicht öffentlich thematisiert. Da stimmt etwas an der Verhältnismäßigkeit nicht!

Wo findet man ausgewählte Literatur?

Darauf möchte ich jetzt nicht mehr eingehen – jedenfalls nicht auf die RKI-Empfehlungen. Da werden natürlich nur die Publikationen empfohlen, die den gleichen Sermon wiederkäuen, den ich oben mit harten Argumenten angeprangert habe. Unten habe ich deshalb dieses Mal sogar drei Bücher empfohlen. Die Autoren kennen sich sehr gut in der Studienlage zu Vitamin D aus und/oder arbeiten regelmäßig diagnostisch und therapeutisch direkt am Patienten. Wenn man die wirklich wichtigen Fakten und Empfehlungen zu Vitamin D erfahren möchte, dann bitte nicht die Meinungen von akademischen Sesselpupsern lesen, die damit gar nicht arbeiten, sondern bitte die Bücher von denjenigen lesen, die an der wissenschaftlichen und der klinischen Front stehen und theoretisch und praktisch wissen, wovon sie reden und schreiben.

 

Studie des Monats

Brustad N, Eliasen AU, Stokholm J, Bønnelykke K, Bisgaard H, Chawes BL: High-Dose Vitamin D Supplementation During Pregnancy and Asthma in Offspring at the Age of 6 Years. JAMA. 2019 Mar 12;321(10):1003-1005. doi: 10.1001/jama.2019.0052.

623 Mütter wurden in eine Studie einbezogen. Alle erhielten 400 IE Vitamin D. Also immerhin war eine gewisse Grundversorgung bei allen gegeben. Randomisiert erhielt eine Hälfte aber noch 2400 IE Vitamin D zusätzlich. In den nächsten Jahren wurde beobachtet, wie oft die Kinder unter Keuchen (wheeze) oder Asthma litten. Dabei stellte sich heraus, dass die Kinder der Mütter, die zusätzlich Vitamin D einnahmen, etwa ein Viertel weniger Beschwerden aufwiesen (Hazard ratio 0,76), was schon beachtlich ist. Anmerkung des Autors: 2400 (bzw. zusammen waren es ja 2800) IE Vitamin D ist für mich in der Schwangerschaft eine eher suboptimale Dosis. Ohne Untersuchung empfehle ich 4000 IE. Optimal ist die Spiegelmessung und die Einstellung auf 100-150 nmol/l. Viele Schwangere benötigen für einen solchen Spiegel 5000 und mehr IE. Ich persönlich glaube (aber das ist Spekulation), dass die Ergebnisse dann noch besser sein könnten. Und wenn die Schwangere dann noch Omega-3 zuführt, für eine gesunde Darmflora sorgt und auch sonst einen guten Lebensstil pflegt, was könnten wir damit alles erreichen?!

Meta-Analyse des Monats

Hu Z, Chen J, Sun X, Wang L, Wang A: Efficacy of vitamin D supplementation on glycemic control in type 2 diabetes patients: A meta-analysis of interventional studies. Medicine (Baltimore). 2019 Apr;98(14):e14970. doi: 10.1097/MD.0000000000014970.

In 19 Studien wurden die Zusammenhänge zwischen Vitamin D sowie HbA1c („Langzeitblutzucker“), Insulin und Insulinresistenz untersucht. Das HbA1c unter Vitamin D war mit einer Effektstärke von 0,17 besser. Das ist nur eine leichte Verbesserung, aber immerhin. Das Insulin war unter Vitamin D mit einer mäßigen Effektstärke von 0,57 deutlich besser. Und die Insulinresistenz – die wichtigste Ursache für den Typ II-Diabetes – war mit einer Effektstärke sogar 0,75 besser. Dies ist schon recht viel, zumal bei einer solchen Meta-Analyse immer eine Mischung aus mehr oder weniger guten Studien besteht.

Klar ist aber: Vitamin D verbessert eindeutig die Stoffwechselsituation bei Diabetes. Evidenzbasiert. Level 1a. Mehr geht nicht. Wäre Vitamin D ein patentierbares Medikament, würde die Pharma-Firma damit die Zulassung als Diabetes-Medikament beantragen und auch bekommen. Es müsste dann zulasten der Kasse verordnet werden können. Leider ist aber Vitamin D nicht patentierbar und keine der großen Firmen hat Interesse an einer solchen Zulassung. Und die kleinen Vitamin D-Firmen haben nicht das Geld dafür.

Wie können maßgebliche „Vitamin D-Experten“ von meinungsbildenden, offiziellen Institutionen die Dreistigkeit besitzen zu behaupten, es gebe keine Studien für positive Wirkungen von Vitamin D außerhalb der Knochengesundheit, wenn die erstbesten (von mehreren hundert) Publikationen, die aktuell unter dem Stichwort auf PubMed zu finden sind, diese Scheuklappen-Mediziner sträflich Lügen strafen?

Buchtipp des Monats

Natürlich passend zum Thema heute drei Vitamin D-Bücher. Ich möchte jetzt auf die Inhalte im Einzelnen gar nicht sehr viel näher eingehen. Im ersten werden besonders die gesellschaftlichen und evolutionären Aspekte aufgeführt, das zweite widmet sich besonders der wissenschaftlichen Datenlage und das dritte Buch thematisiert im Besonderen die praktischen Aspekte der Vitamin D-Diagnostik und –Therapie. Der an Vitamin D Interessierte sollte alle drei in seiner Bibliothek haben.

Prof. Dr. med. Jörg Spitz:

Vitamin-D-Mangel
Die unterschätzte Gefahr

Zum Buch

Uwe Gröber / Michael F. Holick

Vitamin-D
Die Heilkraft des Sonnenvitamins

Zum Buch

Dr. med. Raimund von Helden

Gesund in sieben Tagen
Erfolge mit der Vitamin-D-Therapie

Zum Buch

Mit sonnigen und Vitamin D-reichen Grüßen

Ihr Dr. Volker Schmiedel

 

aufgeschnappt und kommentiert – aufgeschnappt und kommentiert

Hype um das Vitamin D – Stiftung Warentest warnt vor Vitamin D-Pillen

Dr. med. Quintus Querulantius merkt hierzu an: Haben Sie solche und ähnliche Schlagzeilen in letzter Zeit auch in Zeitungen, TV oder Internet wahrgenommen?

Experten warnen vor teuren und unnötigen Vitamin D-Messungen. Es werde immer mehr Geld für Vitamin D ausgegeben, was nichts bringe oder im schlimmsten Fall sogar gefährlich sei. Es sollte keine Vitamin D-Einnahme ohne ärztliche Begleitung erfolgen (Stiftung Warentest: „Die Einnahme von Vitamin D sollte immer mit dem Hausarzt besprochen werden.“) Quelle: https://www.stern.de/gesundheit/stiftung-warentest-warnt-vor-vitamin-d-pillen—warum-sie-sogar-schaden-koennen-7875970.html

Nun habe ich nichts gegen den Hausarzt (da fällt mir ein: Ich bin ja selber einer!). Aber von Nährstoffen im Allgemeinen und Vitamin D im Besonderen haben Hausärzte in aller Regel genauso viel Ahnung wie ein gut informierter Laie (das trifft übrigens für den Universitätsprofessor genauso zu). Im Studium erfahren wir bis auf die unbedingt notwendigen biochemischen Grundlagen praktisch nichts davon – und schon gar nicht von Diagnostik, Indikationen und Therapie (außer banale Dingen wie Eisen bei Eisenmangel, Vitamin D zur Rachitisprophylaxe und Folsäure in der Schwangerschaft). Alles andere weiß der Hausarzt – wenn er sich nicht besonders darin fortgebildet hat – von den „Vitamin-Experten“ der Fachgesellschaften oder aus den Medien – und dort wird er – wie wir oben gesehen haben – unvollständig oder sogar fehlerhaft „informiert“.

Doch zurück zum „verwerflichen übermäßigen Konsum“ von Vitamin D. Ich habe mir im Internet mal die Zahlen besorgt. Ich habe die aktuellsten Zahlen leider nur von 2017 gefunden. Danach gaben Bundesbürger ganze 98 Millionen Euro für Vitamin D aus (Vitamin A war da allerdings auch noch mit drin), was eine sagenhafte Steigerung um 13,9 % gegenüber dem Vorjahr bedeutete. Das sind wirklich erschreckende Zahlen. Den Leuten wird das Geld für ein in den allermeisten Fällen völlig unnötiges Supplement aus der Tasche gezogen und landet als Profit in den Taschen der gierigen Vitamin D-Industrie. Wer weiß, wie viele Nebenwirkungen es dabei auch noch durch Vitamin D-Überdosierungen gab. Achtung: Das war jetzt ironisch!

Ja, ich muss zugeben, ich finde die Zahlen auch erschreckend. Ich finde es wirklich besorgniserregend, wie wenig Vitamin D immer noch trotz der überwältigenden Datenlage genommen wird. Nach Daten des Robert-Koch-Instituts (s.o.) haben fast die Hälfte aller Bundesbürger einen Vitamin D-Mangel, jeder 7. weist sogar ein massives Defizit auf. Und was machen die Vitamin D-insuffizienten Menschen? Sie geben im Jahr pro Person gerade einmal etwas mehr als 1 € für Vitamin D aus – und davor wird auch noch gewarnt. Wo sind denn die Warnungen vor den hohen Umsätzen anderer Präparate?

Auch hierzu habe ich mal die Daten gesammelt, was allerdings gar nicht so leicht war. In der Graphik finden wir den Anstieg der Psychopharmaka-Verordnungen, die geradezu explodieren. Pro Jahr werden 1.500.000.000 (1,5 Mrd.) Tagesdosen in Deutschland verordnet. Das sind 21 Tagesdosen pro Versicherten. Das bedeutet, dass mehr als 5 % ständig unter Psychopharmaka stehen. Und das bei 1,7 Mrd. Euro Jahresumsatz – gewarnt wird aber vor den 0,098 Mrd. Euro durch Vitamin D. Nebenbei: Vitamin D-Mangel trägt zu Depressionen bei. Ich habe viele Depressive mit Vitamin D (und anderen Nährstoffen) von ihren Psychopharmaka befreien können.

https://www.wissenschaft.de/scienceblogs/arzneiverordnungs-report-2018-antidepressiva-weiter-auf-dem-vormarsch-gesundheits-check/

Und was ist mit den Statinen, den Cholesterinsenkern? Man findet ja fast alles im Internet. Aber ich habe stundenlang gesucht und keine Umsatzzahlen hierzu für Deutschland gefunden. Das allein finde ich schon sehr, sehr merkwürdig. Jeden Blödsinn kann man googlen und findet fast immer irgendwas. Aber nicht ganz unwichtige Zahlen wie Umsätze von Fettsenkern sind schwer oder gar nicht zu finden…?!?!? Vielleicht sollen wir das gar nicht wissen.
 Aber immerhin habe ich herausgefunden, dass im Jahr 2013 (auch hier habe ich trotz intensiven Suchens nichts Besseres gefunden) allein der Marktführer Crestor® einen Jahresumsatz von 8,15 Mrd. $ weltweit hatte. Auch dies scheint niemand bedenklich zu finden. Ein Medikament, welches nachweislich nicht selten zu Diabetes, Muskel- und Leberschäden führt, sollte mit einer sehr strengen Indikation verordnet werden.

Etwa 90 % meiner Patienten unter Statineinnahme könnten auf diese verzichten – und zwar nicht, weil ich so alternativ und chemie-feindlich bin, sondern weil ich mich an die schulmedizinischen Leitlinien für die Statinverordnung halte. Es muss nämlich nicht jeder mit einem Cholesterin von über 200 mg/dl dasselbe heruntergeprügelt bekommen, sondern nur derjenige sollte behandelt werden, der schon eine kardio-vaskuläre Erkrankung aufweist oder der ein Risiko von mehr als 20 % in den nächsten 10 Jahren für einen Herzinfarkt aufweist. Das kann man mit entsprechenden Risikorechnern herausfinden (dauert keine 5 Minuten, aber die haben die Ärzte eben nicht) und die meisten müssten danach nicht mehr behandelt werden. Und diejenigen, die wirklich ein Statin benötigen, sind mit den viel nebenwirkungsärmeren und gleich effizienten Präparaten aus Rotem Reis genauso gut versorgt (außer dass sie diese natürlich selbst bezahlen dürfen).

https://www.wiwo.de/unternehmen/handel/pharmahandel-die-umsatzstaerksten-medikamente-der-welt/6726240.html

Herzliche Grüße
Ihr Dr. med. Quintus Querulantius

 

aufgeschnappt und kommentiert – aufgeschnappt und kommentiert