Wer mich und meine Publikationen kennt, weiß, dass ich ein großer Anhänger von Nahrungsergänzungen bin. Vorausgesetzt, die Substanz passt auch zur Vorbeugung oder Behandlung der entsprechenden Krankheit, das Präparat ist genügend hoch dosiert und es besteht auch noch ein akzeptables Preis-Leistungs-Verhältnis. Bei vielen Nährstoffen (z.B. Vitamin D, Selen oder Omega-3-Fettsäuren) messe ich die Werte und strebe einen optimalen Wert an wie er sich in Studien als protektiv erwiesen hat.

Immer wieder kommen aber Patienten zu mir, die ganze Plastiktaschen mit manchmal zehn und mehr Präparaten mitbringen. Sie haben sie von verschiedenen Ärzten, Heilpraktikern oder Ernährungsberatern empfohlen bekommen oder sich selbst die Empfehlungen aus Büchern oder Internet geholt. Nicht selten sind auch Nahrungsergänzungen als Kombi-Präparate mit nochmals fünf oder mehr verschiedenen Nährstoffen in einer fixen Kombination enthalten. Die Patienten geben viel Geld dafür aus und erwarten sich dann das Heil – im wahrsten Sinne des Wortes. Beispielhaft möchte ich Ihnen quasi als Kasuistik folgende Anfrage an mich darstellen. Der Antwort darauf können Sie dann meine Einstellungen entnehmen.

Anfrage eines Patienten zu Nahrungsergänzungen als Kombi-Präparat

Sehr geehrter Herr Dr. Schmiedel,

Ihre Beiträge und Berichte in verschiedenen Gesundheitspublikationen finde ich immer interessant und zuletzt auch ihr Vortrag in XXX.

Seit vergangener Woche verwende ich auch ihr empfohlenes Fischöl. Nun hätte ich gerne eine Auskunft von ihnen. Vor ein paar Monaten hat mir ein Heilpraktiker das Präparat „YYY natürliche Aminosäurekapseln“ empfohlen, welche ich auch gekauft habe sowie ein weiteres Präparat „ZZZ“ für mein Herz. Eine Einnahme dieser Mittel ist noch nicht erfolgt, da ich inzwischen skeptisch geworden bin und an der Wirksamkeit zweifle. Die Präparate waren nicht billig und ich würde sie gerne einnehmen, wenn sie für mich nicht gesundheitsschädlich sind. Seit 2008 habe ich Vorhofflimmern und 2010 hatte ich eine schwere Sepsis mit Nierenversagen und einem Hinterwandinfarkt gut überstanden.

Ich wäre ihnen sehr dankbar, wenn sie mir weiterhelfen könnten.
Mit freundlichen Grüßen
H. M.

Sehr geehrter Herr M.,

ich habe bisher nicht verstanden, warum ein Großteil der Bevölkerung überhaupt Aminosäurekapseln nehmen soll. Ich kann bis auf wenige Ausnahmen wie schwere Malabsorption, bestimmte Leber- oder Nierenfunktionsstörungen keine Indikation für den Einsatz von Aminosäurekapseln erkennen. Ich kenne auch keine Studien, wo Breitspektrum-Aminosäurekapseln irgendeinen gesundheitlichen Effekt nachgewiesen hätten. Hier gibt es wenige Ausnahmen (z.B. ganz bestimmte Aminosäurekombinationen bei der hepatischen Enzephalopathie). Aminosäuren sind die Einzelbestandteile der Eiweiße. Gesunde Erwachsene haben in der Regel genügend Eiweiß. In der durchschnittlichen mitteleuropäischen Ernährung wird leicht das Doppelte der empfohlenen Menge verzehrt. Wie viel enthält eine Aminosäurekapsel? 500 mg und wenn sie groß ist 1000 mg. Selbst wenn es reine Aminosäuren – also ohne Zusatzstoffe – sein sollten, dann habe ich in einem Bissen Käse, in einem TL Soja, ja selbst in einem Esslöffel Hafer mehr Aminosäuren als in so einer Kapsel. Den Aminosäurebedarf kann man also leicht mit der Nahrung decken. Wenn dazu noch ein Hersteller die Zusammensetzung seiner Kapseln verschweigt (ich habe trotz mehrerer Minuten des Suchens auf der Internetseite von „XXX natürliche Aminosäurekapseln“ nichts finden können), dann weiß ich, dass ich ein solches Präparat keinem meiner Patienten empfehlen kann (schon gar nicht zu diesem Preis).

Vor die Therapie haben die Götter die Diagnostik gesetzt. Wer wirklich glaubt, dass er einen Aminosäuremangel habe, bei dem bestimme ich im Blut das Gesamteiweiß und alle einzelnen Aminosäuren (Aminosäureprofil). Dann sehe ich, ob überhaupt Mangelzustände vorliegen. Wenn einzelne Aminosäuren fehlen (z.B. Tryptophan bei der Depression, Lysin bei rezidivierendem Herpes oder Arginin bei der endothelialen Dysfunktion – bei jeder KHK messe ich deswegen das ADMA, was aber die Kardiologen praktisch nicht machen, ist das bei Ihnen jemals gemacht worden?), dann gebe ich diese gezielt. Wenn das Eiweiß generell erniedrigt ist oder mehrere Aminosäuren niedrig sind, dann gebe ich Ernährungstipps zu einer verbesserten Eiweißzufuhr mit einer hochwertigen Kombination, z.B. Kartoffel/Ei, Getreide/Milch oder gebe ein gutes, aber preiswertes Eiweißpulver. Bei bestimmten Indikationen können auch mal größere Eiweißmengen sinnvoll sein, z.B. bei Menschen mit umfangreicher sportlicher Belastung (dann benötige ich ein Eiweißpräparat mit möglichst viel BCAA, welche Muskelwachstum und -regeneration fördern), bei Beschwerden im Bewegungsapparat (z.B. Gelenke, Bänder, Sehnen – dann benötige ich ein Eiweißpräparat mit Kollageneiweiß). Auch ältere Menschen können von vermehrten Eiweißgaben durchaus profitieren. Aber eine solche gezielte Eiweißtherapie beginnt ab 10 g, manchmal werden auch 30 g und mehr benötigt. Ich bezweifle, dass man das mit Aminosäurekapseln erreichen bzw. bezahlen kann.

Das „YYY“ ist ein Kombinationspräparat, welches viele Vitamine und Mineralstoffe in jeweils wirklich guten Mengen enthält. Hier kann man auf der Internetseite immerhin die Zusammensetzung finden. Aber auch solchen Kombipräparaten stehe ich prinzipiell sehr skeptisch gegenüber. Warum soll ich Kalium oder B12 einnehmen, wenn ich es über die Nahrung genügend zuführe und ich im Blut gar keinen Mangel finde? Vitamin D ist hingegen nur in einer Menge von wenigen hundert IE enthalten, Herzpatienten benötigen aber mehrere Tausend. Omega-3 – der allerwichtigste Stoff bei Herzpatienten – ist überhaupt nicht enthalten. Q10 – der zweitwichtigste Stoff für das Herz – ist auch nicht enthalten. Merkwürdig – wer erfindet Herzpräparate, die die für das Herz wichtigen Substanzen gar nicht enthalten? Kombipräparate enthalten nicht selten Stoffe, die der Patient meist nicht braucht, weil er damit gut versorgt ist. Und von denen, die er braucht, enthalten sie zu wenig oder sogar überhaupt keine. Warum sollte ich so etwas dann nehmen?

Oder sollte ich hier nicht auch gezielt und differenziert vorgehen? Ich messe bei Herzpatienten Vitamin D, Homocystein (Vitamin B6, B12, Folsäure!), Magnesium, Kalium, ADMA (Arginin!), Q10 und die Fettsäuren (Omega-3!). Anschließend gebe ich gezielt nur das, was der Patient benötigt, aber dann in der richtigen Dosierung. Nach drei Monaten wird nachgemessen und die Feinabstimmung vorgenommen. Das verursacht zwar anfangs etwas mehr an Diagnostikkosten, dafür spare ich aber unnötige Präparate ein. Und ich weiß, was der Patient langfristig braucht, um wirklich optimal eingestellt zu sein. Davon kann ich mir dann auch gesundheitliche Effekte erwarten. Suchen Sie sich bitte jemanden, der Ihnen einen solchen Maßanzug näht und kaufen Sie sich für Ihre Gesundheit keinen Anzug von der Stange, der meistens gar nicht passt.

Mit herzlichen Grüßen,
Dr. Volker Schmiedel

Abb. 1: Nahrungsergänzungen: Ein bunter Cocktail sieht zwar schön aus, aber viel hilft nicht immer viel

Studie des Monats

Sind die PISA-Ergebnisse von Schülern mit dem nationalen Fischkonsum verbunden?¹

Hintergrund der Untersuchung über den Zusammenhang zwischen den PISA-Ergebnissen und dem nationalen Fischkonsum

Die schulischen Leistungen von Schülern ergeben sich aus vielen Einflüssen. Unter anderem aus den pädagogischen Fähigkeiten der Lehrer, dem sozialwirtschaftlichen Statuts von Schülern und ihren Eltern, der Klassengröße und den Investitionen, die ins Bildungswesen fließen. Frühere Einflussfaktoren, wie beispielsweise das Stillen oder die allgemeine Gesundheit, können ebenfalls wichtige Einflussgrößen darstellen.

Besonders in letzter Zeit wuchs das Interesse an den marinen Omega-3-Fettsäuren DHA und EPA, weil sie bekannterweise wichtig für die Gehirnentwicklung sind. Eine ausreichende Versorgung mit marinem Omega-3 ist besonders in der Schwangerschaft und bei stillenden Müttern essenziell für die Gehirnentwicklung des Nachwuchses. Insbesondere das richtige Omega-6/3-Verhältnis ist von großer Bedeutung. Die Wirkung dieser beiden Fettsäuren im Körper ist genau gegensätzlich. In den meisten westlichen Ländern hat der Omega-6-Konsum im Vergleich zum Omega-3-Konsum zugenommen. Somit liegt das Verhältnis oft bei 8:1 bis hin zu 25:1, wobei es idealerweise bei etwa 2,5:1 liegen sollte. Diese hohen Verhältnisse lassen sich auf den vermehrten Verzehr von tierischen Produkten zurückführen. Die marinen Omega-3-Fettsäuren können hauptsächlich aus dunkelgrünen Pflanzen gewonnen werden. Somit kommen sie in grasgefütterten Tieren und Fisch vor, insbesondere wenn letztere sich von Algen ernähren. Demzufolge überrascht es nicht, dass eine aktuelle Studie herausgefunden hat, dass das Omega-3/6-Verhältnis in der Muttermilch 41 % der Varianz bei den PISA-Ergebnissen der Kinder erklärte. Die Fettzusammensetzung in der Muttermilch ergibt sich aus der Nahrung der Mutter.

Nebenbei: Die Korrelation (statistischer Zusammenhang, 0 = kein Zusammenhang, 1 = maximal möglicher Zusammenhang) beträgt für Stillen, von dem wir wissen, dass es für die geistige Entwicklung der Kinder gut ist, nur 0,28, für den Fischkonsum jedoch 0,58, was in der Biologie eine sehr, sehr hohe Korrelation darstellt. Eine offensichtliche Vermutung ist, dass der landesweite Fischkonsum eine verantwortliche Variable für ein vorteilhaftes Omega-6/3-Verhältnis in der Muttermilch ist und somit auch für die kognitive Entwicklung des Kindes. Um dies zu prüfen schauten wir, ob der nationale Fischkonsum mit den PISA-Ergebnissen der Kinder zusammenhängt. Dafür untersuchten wir den landesweiten Fischkonsum, gemeinsam mit Maßen der wirtschaftlichen Entwicklung sowie der Stillrate und dessen Zusammenhang mit den PISA-Ergebnissen in einer Querschnittsstudie.

Methodik

Wir verwendeten veröffentlichte Daten aus verschiedenen Quellen (siehe Originalstudie) und wendeten einen regressionsanalytischen Ansatz an, um zu fragen, ob der allgemeine Fischkonsum eines Landes die PISA-Ergebnisse unabhängig vorhersagen kann. Wir fertigten Mehrfachregressionen an, die zunächst die wirtschaftliche Lage kontrollierten, dann die Stillrate berücksichtigten und zuletzt den Fischkonsum. Der Fischkonsum wurde mengenmäßig in sechs Kategorien unterteilt. Die Spanne reichte von zwei bis mehr als 60 kg Fisch jährlich pro Person. Abschließend wurde eine Sensitivitätsanalyse durchgeführt.

Ergebnisse

Es lagen uns Fischkonsum-Daten aus 64 Ländern vor, aus denen unter anderem ebenfalls die PISA-Ergebnisse und Ländergröße herangezogen wurden. Die Stillraten lagen von 53 dieser Länder vor. Die Ländergröße korrelierte mit keiner anderen Variabel signifikant, wobei alle anderen Variablen signifikant korrelierten. Die beiden Faktoren „Internetnutzung“ (je mehr Menschen in einem Land Internetzugang haben, umso besser sind die PISA-Ergebnisse) und „Fischkonsum“ erklären zusammen über 70 % der weltweiten PISA-Ergebnisse. Fischkonsum erwies sich dabei als ein unabhängiger Faktor. Die Regressionsanalyse ergab lediglich den Internetzugang sowie den Fischkonsum als signifikante Einflussgrößen. In einer Teilmengen-Regressionsanalyse ergab der geringe Fischkonsum von 5-10 kg Fisch pro Jahr pro Person eine negative signifikante Korrelation. Dies bestätigt ebenfalls die Beziehung zwischen dem Fischkonsum und den PISA-Ergebnissen.

Diskussion

Da die Studie nur einen beschränkten Umfang hatte, können wir keine Aussagen über eine mögliche Kausalität treffen. Allerdings ist es eher plausibel anzunehmen, dass ein hoher Fischkonsum die schulischen Leistungen verbessert, als andersherum. Unsere Ergebnisse stützen das bereits bekannte Wissen über die Wichtigkeit von Omega-3-Fettsäuren für die Gehirnentwicklung. Der Gesetzgeber könnte beschließen, das Omega-6/3-Verhältnis auf bestimmten Produkten wie beispielsweise Fetten, Käse, Fisch und einigen Gemüsesorten anzeigen zu lassen.

Fazit

Fischkonsum, der hier allgemein für die nationale Omega-3-Versorgung steht, stellte sich als ein unabhängiger und wichtiger Einflussfaktor auf die schulischen Leistungen der Schüler dar, neben dem Einfluss des nationalen Lebensstandards. Es ist wahrscheinlich diesen Effekt dadurch zu erklären, dass Fisch eine wichtige Omega-3-Versorgung für die Mutter und somit die frühe Gehirnentwicklung des Kindes darstellt. Zur Problematik der Deckung der Omega-3-Fettsäuren durch Fisch siehe jedoch meinen vorigen Newsletter.

Buchtipp des Monats

Omega-3 – Öl des Lebens für mehr Gesundheit

Dieses Buch ist im Januar 2018 erschienen und kostet 19,90 € bzw. 24,90 CHF.

Omega-3 – Öl des Lebens für mehr Gesundheit

Fettsäuren zum vorbeugen und heilen: Zivilisationskrankheiten vorbeugen l Gut für die Psyche l Stärkt Herz und Kreislauf

Hier habe ich all mein Wissen zu Omega-3-Fettsäuren zusammengefasst. Es geht um die Grundlagen des Fettsäurestoffwechsels, Indikationen für den Einsatz von Omega-3-Fettsäuren in Prophylaxe und Therapie und praktische Tipps zum Umsetzen. Nach Lektüre dieses Buches wissen Sie mehr über das Thema als die meisten Ärzte und Ernährungsberater – versprochen! Sie wissen aber vor allem, was Sie selbst tun können, um mit den richtigen Omega-3-Fettsäuren in der richtigen Dosis Ihre Gesundheit zu erhalten oder wiederherzustellen zu helfen. Nun aber ran an die Fische! Hier können Sie das Buch erwerben.

Weitere Antworten zu Fragen zu Omega-3 finden Sie auf: http://www.dr-schmiedel.de/faqs-buch/

aufgeschnappt und kommentiert – aufgeschnappt und kommentiert

Abzocke mit „Vitaminpillen“?

Dr. med. Quintus Querulantius merkt hierzu an: So oder so ähnliche Schlagzeilen findet man immer wieder in Presse oder Internet, wobei sich insbesondere der „Spiegel“ als Anwalt der mit den Vitaminpillen über den Tisch gezogenen Patienten und Konsumenten aufspielt. Dabei hat der Spiegel sogar teilweise recht. In der Tat wird im Bereich der Naturheilkunde im Allgemeinen und in der Orthomolekularen Medizin (also der Therapierichtung mit den Nahrungsergänzungen) viel Unsinn verzapft. So kann ich die Fragen meiner Patienten, ob Vitamin D nicht schade, wenn nicht K2 dazu gegeben werde, kaum noch hören. Völliger Stuss, für den es nicht den Hauch eines Beweises gibt. Merkwürdigerweise hat diese Lüge jeder mitbekommen – und glaubt sie auch noch. Ich mag auch nicht mehr mit Patienten diskutieren, die sich Magnesiumplörre auf die Beine schmieren, weil sie irrigerweise glauben, das lebenswichtige Spurenelement werde umgehend ins Blut aufgesogen. Mein Feingefühl verbietet es natürlich, Ihnen vorzuschlagen, abends doch einfach das Schnitzel auf den Bauch zu legen, das werde dann ja auch durch die Haut aufgenommen und man spare sich das Kauen. Nein, ich habe mir in der Vergangenheit die Mühe gemacht, sachlich zu erklären, dass ich wirkliche Magnesiumexperten zu dieser Frage kontaktiert habe, die mir versichert haben, das sei zwar eine nette Idee, die aber leider nicht funktioniere. Das Magnesium wird zwar in die Haut aufgenommen, gelangt von dort aber nicht ins Blut. Vielmehr wird es mit der natürlichen Hautabschilferung wieder ausgeschieden. Dumm gelaufen. Aber ich mache mir keine Freunde, wenn ich versuche, den angelogenen User aufzuklären. Und ich kenne ein hochpreisiges, sehr bekanntes Kombipräparat für Herzkrankheiten, welches alle möglichen Substanzen enthält, an denen jedoch fast niemand einen Mangel aufweist. Das bei Herzkrankheiten wichtige Vitamin D ist jedoch gnadenlos unterdosiert, ganz einfach, weil die Rechtslage vernünftige Dosierungen für Vitamin D in Nahrungsergänzungen gar nicht zulässt. Neben einem Vitamin-Mineral-Pulver sind auch noch Omega-3-Kapseln dabei. Auch hier wird jedoch eine protektive Dosis bei weitem nicht erreicht. Es kommt aber noch schlimmer: Die Kapseln enthalten ein ranziges, verdorbenes Fischöl – schaden also mehr als sie nutzen. Für mehrere Euro Tagestherapiekosten kaufen sich Herzpatienten guten Gewissens ein Präparat, welches nicht helfen kann und aufgrund des verdorbenen Fischöls auf keinen Fall verzehrt werden sollte. Dabei würden sie für diesen Preis ordentliche Dosen der richtigen Nährstoffe erhalten, wenn nur gemessen und individuell und optimiert therapiert werden würde.

Was mich immer wieder wundert, ist die unglaubliche Gutgläubigkeit von ansonsten kritischen und differenzierten Menschen, die jeden schulmedizinischen Beipackzettel zweimal durchlesen und das Internet noch nach Meta-Analysen zu Sicherheit und Wirksamkeit des ihnen verschriebenen Medikamentes verschreiben, aber mit einer Blauäugigkeit jeden Blödsinn glauben, der im Bereich der Orthomolekularen Medizin verzapft wird. Das Problem ist nur: Unseriös recherchierte Beiträge einer sensationslüsternen Journaille, die nur die Haare in der Suppe suchen, erwecken den Eindruck, die gesamte Orthomolekulare Therapie sei im besten Fall unsinnig und im schlechtesten Fall sogar schädlich. Dabei wird der ahnungslose Leser leider nicht nur von den dummen Auswüchsen einer falsch verstandenen Orthomolekularen Medizin, sondern auch von einer sinnvollen Nahrungsergänzungstherapie abgehalten.

Dabei arbeitet die Schulmedizin selbst durchaus orthomolekular. Selbst der überzeugteste Hardcore-Schulmediziner wird natürlich Eisen verordnen, wenn ein Eisenmangel nachgewiesen wird und dazu passende Symptome bestehen. Natürlich wird bei Osteoporose auch Vitamin D gegeben. Ja, es ist blöd, dass Vitamin D auch bei Osteoporose praktisch nicht gemessen und erst recht nicht in vernünftigen Dosen gegeben wird. Wenn ich bei meinem Auto einen Ölmangel vermute, komme ich ja auch nicht auf die Idee, vielleicht mal den Ölstand zu messen. Nein, ein Fingerhut Motoröl wird es schon richten. Bitte entschuldigen Sie meinen Sarkasmus, aber es ist es wirklich kaum zu ertragen, dass der ersetzbare Motor des Autos genauestens durchgecheckt und optimal mit den „richtigen“ Nährstoffen, also einem hochwertigen Motoröl und einem Benzin mit der richtigen Oktanzahl versorgt wird, während wir Menschen zu geizig sind, um 20 € für einen Vitamin D-Check oder 89 € für eine umfassende Fettsäureanalyse auszugeben. Und die Daten für Folsäuregaben und für Omega-3-Fettsäuren bei Schwangeren, um Missbildungen bei den Kindern zu vermeiden und eine gute Entwicklung des Nervensystems zu gewährleisten, sind so erdrückend, dass sie sogar Eingang in die gynäkologischen Leitlinien gefunden haben. Blöd nur, dass die Folsäuregabe flächendeckend praktiziert wird, während den Schwangeren die für ihr Kind nötigen Mengen an DHA weiterhin (meistens) vorenthalten werden. Die Schulmedizin ist also orthomolekularer als sie meint. Die Leitlinien werden halt nur nicht umgesetzt. Den Schulmedizinern wünsche ich daher mehr Offenheit gegenüber einer nebenwirkungsarmen, dabei wirkungsvollen und auch noch relativ preiswerten Therapie. Sie sollen ja nicht alles glauben, was vollmundig (und nicht selten fälschlich) behauptet wird, aber die eindeutigen Studien und Meta-Analysen, die am Nutzen bestimmter Nährstoffe bei bestimmten Erkrankungen keinen Zweifel mehr offenlassen, sollten doch endlich mal zur Kenntnis genommen werden. Den unkritischen Naturheilkundlern wünsche ich jedoch ein bisschen mehr Nachdenken und Hinterfragen allzu verheißungsvoller Versprechen. Es gibt mehr Beweise als Schulmediziner erwarten, aber weniger als Naturheilkundler sich erträumen.

Wie überall in der Medizin wünsche ich mir auch in der Naturheilkunde und in der Orthomolekularen Medizin ein differenziertes, kritisches und kontrolliertes Vorgehen. Dann werden wir sowohl einem „primum nil nocere“ (Zuerst einmal nicht schaden) als auch einem „salus aegroti suprema lex“ (Das Heil des Kranken sei das oberste Gesetz) gerecht.

In diesem Sinne, grüezi usd Schwyz un hebs no guet,
Ihr Dr. med. Quintus Querulantius

aufgeschnappt und kommentiert – aufgeschnappt und kommentiert

Literaturliste – für alle, die wissenschaftlich tiefer bohren und die wissenschaftlichen Quellen erkunden möchten, unter http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed können Sie die Abstracts (in Englisch) nachlesen und manchmal auch Links zu den Originalarbeiten finden:Martineau AR et al.:

  1. (1) Schmiedel, V, Vogt H, Walach, H: Are pupils’ ‘Programme for International Student Assessment (PISA)’ scores associated with a nation’s fish consumption? Scand J Public Health. 2017 Jul 1:1403494817717834. doi: 10.1177/1403494817717834. Link: http://journals.sagepub.com/eprint/E4gbKSSEfIwWzxKKwqbv/full